Wo Agentic ERP sinnvoll ist und wo Autonomie zur Gefahr wird
Eine der wichtigsten Fragen, die ich in Gesprächen über Agentic ERP stelle, lautet:
„Welche Entscheidung würdest du niemals an ein System abgeben?“
Nicht, weil Systeme per se unfähig wären. Sondern weil diese Frage sofort zeigt, ob wir über Technologie reden – oder über Verantwortung.
Viele Organisationen betrachten Agentic ERP als lineare Entwicklung:
Erst automatisieren wir Prozesse, dann führen wir Copilots ein, dann „machen wir“ Agenten. In Wahrheit ist es eine Frage der Eignung. Nicht jeder Prozess sollte agentisch werden. Und nicht jede Entscheidung profitiert von Autonomie.
Drei Kriterien für sinnvolle agentische Use Cases:
(1) Häufigkeit und Wiederholbarkeit: Agenten lohnen sich dort, wo Entscheidungen häufig auftreten.
(2) Operativer Charakter: Agenten sind geeignet für Tagesgeschäft, weniger für strategische Weichenstellungen.
(3) Zeitkritik: dort, wo Verzögerungen messbaren Schaden verursachen.
Typische Domänen mit hohem Nutzen:
- Supply Chain/Planning (Monitoring, Re-Priorisierung, Eskalation bei Service-Level-Risiko)
- Warehouse/WMS (Exception, Priorisierung, Replenishment innerhalb Grenzen, Anomalie-Erkennung)
- Procurement (Risikosignale, Alternativen, vorbereitete Entscheidungen statt autonomer Bestellung)
- Finance (Watch & Escalate: Anomalien, Klärfälle, Prüfworkflows).
Wo Autonomie zur Gefahr wird (No-Go-Zonen): strategische Entscheidungen, politisch
sensible Entscheidungen, unklare Ownership, fehlende Eskalationslogik. In solchen Fällen ist ein Copilot oft der bessere Schritt.
Der Roadmap Fehler:
Autonomie als Flächenprogramm („Wir machen unser ERP agentisch.“) führt zu überzogenen Erwartungen, zu vielen Piloten und Governance-Chaos.
Der bessere Ansatz ist selektive Autonomie: Starte dort, wo Nutzen messbar und Risiko begrenzbar ist, baue Vertrauen auf und skaliere bewusst.
Fazit Teil 2:
Agentic ERP ist mächtig, aber nicht universell.
Es ist kein Reifegrad, den man „erreichen muss“. Es ist ein Werkzeug, das man gezielt einsetzen sollte, und dessen wichtigste Fähigkeit die Entscheidung ist, wo Agenten hingehören und wo nicht.
